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Bild: © Cornerstone  / pixelio.de

Richter oder Tröster?

Kirche und Ehe
Erst geschieden, dann wieder verheiratet und dazu noch katholisch - auf immer mehr Menschen treffen diese drei Merkmale im Lebenslauf zu. Daraus resultieren eine Reihe dringlicher Fragen.

Wie komme ich in meiner - wahrscheinlich von mir irgendwie mitverschuldeten - Situation mit meiner Kirche zurecht? Wie geht sie mit mir um? Bleibe ich von der Kommunion ausgeschlossen? Die Fragen verlangen mit zunehmender Dringlichkeit eine Antwort - eine Antwort, in der nicht mehr die pastorale Praxis mit der offiziellen Lehre in einem Widerspruch steht. Einen solchen Widerspruch kann eine Kirche nicht unendlich lang aushalten.

Jährlich gehen in Deutschland ein paar Tausend Paare, die sich als "irgendwie katholisch-kirchlich gebunden" fühlen, nach einer Scheidung eine neue Ehe ein. Gesicherte Zahlen gibt es nicht (siehe "194 410 Scheidungen"). Wenn es nur 4000 Paare wären - es wären 8000 Menschen; in einem einzigen Jahr und allein in Deutschland.

Hans Waldenfels, Jesuit und theologischer Wissenschaftler in Düsseldorf, hat kürzlich in dieser Zeitung die Frage aufgeworfen, ob die Kirche sich gegenüber gescheiterten Ehen als harter Richter oder als heilender und tröstender Arzt erweisen solle. Und er hat von den Bischöfen eine überzeugende Antwort gefordert. Die Kirche habe zwar den Rückgang von Treue und anderen Werten nicht zu verantworten. Aber sie stehe vor der Frage, wie sie mit Menschen umzugehen
habe, deren Ehe - warum auch immer - gescheitert sei.

Die offizielle Lehre der Kirche beruft sich auf das Evangelium nach Matthäus; dort heisst es im 19. Kapitel, Vers 6: "Was Gott zusammen gefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden." Dieser Christus in den Mund gelegte Satz wird nur selten ergänzt durch das wenige Zeilen später folgende Christus-Zitat: "Dies Wort fassen nicht alle . . .".

Ein Pastor hat in einer Sonntagspredigt aus seiner praktischen Erfahrung heraus einmal schlicht gefragt: "Dürfen wir wirklich behaupten, alle kirchlich geschlossenen Ehen seien von Gott zusammengefügt? Nur weil die Brautleute vor dem Altar und vor einem Priester ,Ja` gesagt haben?"

Diese Frage führt mitten in den Widerspruch zwischen offizieller Lehre und pastoraler Praxis. Die Lehre sagt: Eine gültig geschlossene und vollzogene Ehe ist eine Bindung auf Lebenszeit. Eine Scheidung gibt es nicht. Die kirchenrechtliche Folgerung lautet: Wieder verheiratete Geschiedene werden zwar nicht ausdrücklich exkommuniziert, sie werden nicht aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen; aber durch den fortdauernden Verstoss gegen ihre erste unauflösliche Ehe können sie nicht zur Kommunion gehen.

Schon beim Kirchenlehrer Augustinus (354-430) ist nachzulesen, dass ein gewisser Pollentius ihm geklagt habe: "Ein Mann, der sich von seiner Frau trennt und eine andere heiratet, hat nur dann eine Chance, sich nach einer gewissen Bußzeit wieder mit der Kirche zu versöhnen, wenn er seine frühere Frau umbringt. Denn ein Mörder kann nach einer bestimmten Bußzeit wieder zur Eucharistie zugelassen werden, ein wieder verheirateter Geschiedener dagegen nicht." Augustinus hält dagegen: Erstens gehöre es sich für einen Christen nicht, einen anderen Menschen umzubringen; zweitens stelle ein Mord eine abgeschlossene Tat dar und könne deshalb gesühnt werden, eine ungültige Ehe hingegen sei ein dauerhaftes und fortdauerndes Fehlverhalten. Das Problem ist also keineswegs neu.

Die Kirche kennt jedoch den Tatbestand, dass eine Ehe von Anfang an ungültig war - etwa

 -  wenn ein Partner bei sich Vorbehalte gegen die lebenslange Dauer einer Ehe hatte;

 -  wenn er oder sie keine Kinder haben wollte;

 -  wenn ein Partner Zeugungsunfähigkeit verschwiegen hat;

 -  wenn ein Partner bei sich Vorbehalte gegen die eheliche Treue hatte;

 -  wegen "psychischer Ehe-Unfähigkeit";

 -  wenn das Ja am Altar nicht bei klarem Verstand und in völlig freiem Willen gesprochen worden ist (in Ehe-Nichtigkeits-Verfahren ist schon mal das Argument zu hören, bei der Eheschliessung sei kaum jemand bei klarem Verstand; insofern sei fast jede Ehe vor dem Kirchenrecht ungültig);

 -  wenn die Ehe-Vorbereitungen (die Belehrung der Brautleute über die Sakramentalität und die eindringliche Befragung nach dem festen und klaren Willen) unzulänglich waren.

Vor diesem Hintergrund haben sich "Ehe-Nichtigkeits-Verfahren" vor den bischöflichen Ehegerichten gehäuft, und die meisten werden im Sinne der betroffenen Frauen und Männer entschieden. So hat zum Beispiel im Jahr 1999 der Gerichtshof der Diözese Münster 211 Entscheidungen in solchen Verfahren getroffen; davon wurden in 187 Fällen die Ehen für nichtig erklärt. Fast zwei Drittel der Antragsteller waren Frauen, 70 Prozent von ihnen zwischen 26 und 37 Jahren alt.

RUDOLF  BAUER  / © Copyright Rheinische Post 2001


Elf von 1 000 Ehen im Jahr 2010 geschieden

Im Jahr 2010 wurden in Deutschland rund 187 000 Ehen geschieden. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt,  wurden damit elf von 1000 bestehenden Ehen geschieden.

Zum Vergleich: Im Jahr 1992 wurden von 1000 bestehenden Ehen sieben Ehen geschieden. Das war der bisherige T i e f s t s t a n d seit der Wiedervereinigung.

Bei den im Jahr 2010 geschiedenen Ehen wurde der Scheidungsantrag  meist von der Frau gestellt, und zwar in 52,9 % der Fälle. 38,9 % der Anträge reichte der Mann ein. In den übrigen Fällen beantragten beide  Ehegatten die Scheidung gemeinsam.

Bei der Mehrzahl aller Ehescheidungen in 2010 waren die Ehepartner bereits seit einem Jahr getrennt: 151100 Ehen (80,8 %) wurden 2010 nach einjähriger Trennung geschieden. Bei 3100 Scheidungen hatten die Partner noch kein Jahr in Trennung gelebt. Die Zahl der Scheidungen nach dreijähriger Trennung lag bei 31600, wobei die Gerichtsurteile vorwiegend im früheren Bundesgebiet (einschliesslich Berlin)  ausgesprochen wurden.

2010 betrug die durchschnittliche Ehedauer bei der Scheidung 14  Jahre und 2 Monate. 1992 waren es lediglich 11 Jahre und 6 Monate gewesen. 2010 setzte sich somit der Trend der vergangenen Jahre zu einer längeren Ehedauer bis zur Scheidung weiter fort.

Von den 2010 geschiedenen Ehepaaren hatten knapp die Hälfte Kinder unter 18 Jahren.
(Quelle: Statistisches Bundesamt 09/2011)
 

Martin Luther und die Ehe 

In den evangelischen Kirchen ist heute der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen relativ unkompliziert.
Unkomplizierter als zu Luthers Zeit und nach Luthers Verständnis.
Zwar hat er die Ehe ein "Äusserlich weltlich Ding" genannt, womit er ihr die Sakramentalität bestritten und sie der kirchlichen Rechtsprechung entzogen hat. Aber als "Stiftung Gottes", wie er sie genannt hat, war auch für Martin Luther die Ehe grundsätzlich unauflöslich. Für bestimmte Fälle liess er eine neue Ehe nach der Scheidung zu. Heute sind wiederverheiratete Geschiedene vollwertige Mitglieder ihrer Gemeinde, ihrer Kirche. Als problematisch wird jedoch von Kirchenleitungen empfunden, wenn ein Pfarrer sich scheiden lässt und wieder heiratet. So jemand wird schon mal aus der allgemeinen Seelsorge abgezogen und mit einer Spezialaufgabe betraut.

© Copyright Rheinische Post 2001

Ehe "keine Privatentscheidung"
Kirche und Scheidung
Barmherzigkeit geht oft vor Prinzipien

Die seelsorgerische Praxis entfernt sich von der offiziellen Lehre. Pfarrer stellen zunehmend die Gewissensentscheidung des Einzelnen in den Mittelpunkt ihrer Praxis. Sie verweigern die Kommunion auch dann nicht, wenn sie genau wissen, dass sie von wieder verheirateten Geschiedenen erbeten wird. Ein solcher Priester - er ist alles andere als ein Modernist - erklärt seine Haltung so: "Man tut Jesus Unrecht, wenn man seine Worte in Gesetze giesst; es ist auch falsch, seinen Willen aus einem einzigen Zitat ableiten zu wollen. Im Widerstreit zwischen Prinzipientreue und Barmherzigkeit entscheide ich mich im Sinne Jesu - so wie ich ihn verstehe - für die Barmherzigkeit. Es muss für jeden Menschen einen Weg der Versöhnung geben; auch für wieder verheiratete Geschiedene."

Priester, die so denken und handeln, sind nahe bei den Bischöfen von Freiburg, Mainz und Rottenburg (Oberrheinische Kirchenprovinz). Saier, Lehmann und Kasper (heute Rom) haben 1993 ein gemeinsames Hirtenwort "zur seelsorgerischen Begleitung von Menschen aus zerbrochenen Ehen, Geschiedenen und wieder verheirateten Geschiedenen" an ihre "hauptberuflich in der Seelsorge tätigen Damen und Herren" gerichtet. Darin heisst es: "Zu den dramatischen Umbrüchen unserer Zeit gehört, dass zahlreiche Ehen zerbrechen. Von der Kirche fühlen sich die Geschiedenen und wieder verheirateten Geschiedenen meist unverstanden und allein gelassen. Sie erleben die kirchlichen Vorschriften und Regelungen als unverständliche Härte und Unbarmherzigkeit."

Den Bischöfen geht es nicht um eine gleichsam amtliche und pauschale Zulassung aller wieder verheirateten Geschiedenen zur Kommunion. Aber sie sind bereit, das Hinzutreten zur Eucharistie unter bestimmten Voraussetzungen (Gespräch mit einem Priester, Gewissensprüfung) zu tolerieren. Dem Gewissen der Betroffenen soll eine grössere Verantwortung zugesprochen werden. Wörtlich heisst es: "Die Kirche kann das Wort Jesu von der Unaufhörlichkeit der Ehe nicht zur Disposition stellen, sie kann aber auch vor dem Scheitern vieler Ehen nicht die Augen verschliessen. Denn wo immer Menschen hinter der Wirklichkeit der Erlösung zurück bleiben, begegnet ihnen Jesus barmherzig mit Verständnis für ihre Situation." Die Autoren unterstreichen indes: "Wir müssen mit vereinten Kräften jenem Trend entgegen wirken, der Ehescheidung und Wiederverheiratung als etwas Normales darstellen möchte."

Doch Rom winkte ab. Der Vorsitzende der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, teilte mit: Die Ehe sei nicht eine "blosse Privatentscheidung". Er wollte die wichtige Unterscheidung der drei Bischöfe zwischen "Zulassung" und "Hinzutreten" zur Eucharistie nicht gelten lassen. Trotz der Zurückweisung aus dem Vatikan, bleibt das Wort der drei Bischöfe in der Welt und gilt vielen Priestern als Orientierungshilfe.

Die Kirche wird am Prinzip der Unauflöslichkeit der Ehe festhalten. Aber sie kommt an der Not der betroffenen Menschen nicht vorbei, soweit diese bemüht sind, als Christen zu leben. Sie wird diese Spannung nicht dadurch lösen, dass sie mit den Ehe-Nichtigkeits-Verfahren grosszügig umgeht, und sie wird sich nicht darauf zurückziehen können, dass sich stillschweigend eine barmherzige, menschliche Praxis entwickelt.

Bischöfe und Pastöre halten sich mit lauten Äusserungen zurück. Intern denkt man darüber nach, die Ehe besser vorzubereiten; mit dem Brautpaar ist zu prüfen, ob es das Ehesakrament überhaupt als Chance für das gemeinsame Leben verstehen kann; es muss auch nachgedacht werden, ob nicht das Versprechen auf lebenslange Ehe nur das Versprechen sein kann, es nach besten Kräften versuchen zu wollen.

Der Theologe Markus Knapp warnt: Das Sakrament dürfe nicht freigegeben werden zur folkloristischen Gaudi.

RUDOLF BAUER / © Copyright Rheinische Post 2002

Eheschliessung nach orthodoxer Praxis

In den orthodoxen Kirchen gilt die Ehe ebenso wie in der katholischen Kirche als Sakrament und ist deshalb im Prinzip unauflöslich. Die Praxis aber sieht so aus: Die erste Ehe wird feierlich am Altar geschlossen. Die zweite Hochzeit (nach der Scheidung) wird unfeierlich an einen unbedeutenderen Platz in der Kirche verlegt. Sollte es zu einer dritten Ehe (nach zwei Scheidungen) kommen, dann würde sie in der Sakristei geschlossen. Ursprünglich - so bestätigt das Büro des für Deutschland zuständigen orthodoxen Bischofs in Bonn unserer Zeitung - waren wieder verheiratete Geschiedene für eine begrenzte Zeit exkommuniziert. Dies wird heute nicht mehr praktiziert. Die Orthodoxen verstehen ihren Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen als "Akt der Barmherzigkeit angesichts der Schwachheit der Menschen".

© Copyright Rheinische Post 2002

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