Bill Hybels

Ringe-green-weich-rund

Impressum
E-Mail

Bild: © Cornerstone  / pixelio.de

3/97

Scheidung & Wiederheirat
Wie eine Gemeinde damit  umgeht

 von Bill Hybels                                                                                     © Bundes-Verlag GmbH

In unserer Nummer 2/95 haben wir das schwierige und in der Bewertung auch unter Christen umstrittene Thema der Scheidung und Wiederheirat bewegt. In dieser Ausgabe möchten wir einen weiteren Beitrag bringen, der diese Thematik noch einmal neu aufnimmt und besonders die praktische Haltung einer Gemeinde zu diesen Fragen beleuchtet. Wie geht die Willow Creek Community Church in Chicago mit Scheidung und Wiederheirat um? Biblische Argumentation und gemeindliche Praxis miteinander verbunden.

Scheidung und Wiederheirat sind ausserordentlich schwierige und heisse Themen! Themen, die schmerzen. Vermutlich sind Sie nicht interessiert an einer akademischen oder theologisch - sterilen Antwort. Vielleicht sind Sie selbst verletzt und durcheinandergewirbelt durch eine Scheidung. Sie möchten wissen, wo Sie in Gottes Augen stehen. Welche Möglichkeiten Sie jetzt haben. Und ob Sie die “unverzeihliche Sünde” begangen haben oder nicht. Sie haben also ein berechtigtes Interesse - und ich werde versuchen, Ihre Situation genauso im Blick zu haben, wie die Menschen, die bis jetzt nicht direkt von Scheidung betroffen sind und diesen Artikel eher aus einer theologischen Fragestellung nach “richtig” oder “falsch” lesen.

 Diese Frage ist auch deswegen so schwierig, weil es in der Bibel nicht den einen Paragraphen gibt, der alle menschlichen Situationen abdeckt, die zu einer Scheidung und zur Frage einer Wiederheirat führen. Statt deswegen einfach einzelne Bibelverse so zusammenzustellen, dass sie das aussagen, was ich denke - ein sehr verführerischer Umgang mit der Bibel - , möchte ich zurück an den Anfang gehen und zunächst versuchen zu verstehen, wie Gott Ehe gemeint hat.

1. Weil die Ehe von Gott als untrennbare Einheit gegründet wurde und ein irdisches Abbild der Beziehung Gottes zu uns Menschen ist, darf sie nicht gebrochen werden.

 “Darum verlässt ein Mann seine Eltern und verbindet sich so eng mit seiner Frau, dass die beiden eins sind mit Leib und Seele” (1. Mose 2,24).
Das ist, in Kürze zusammengefasst, das Schöpfungs-Ideal, das Gott für eine Ehe beabsichtigte: Die intimste Beziehung, die wir uns vorstellen können. Ich finde das interessant: Man könnte doch annehmen, dass verwandtschaftliche Beziehungen wie die von den Eltern zu den Kindern die intimsten sein sollten, die nie getrennt oder zerstört werden dürften. Gott aber sagt, dass zwischen einem Mann und einer Frau etwas geschehen wird, weshalb ein Mann seinen Vater und seine Mutter notwendigerweise verlassen wird - die stärkste soziale Einheit, die Eltern-Kind-Beziehung. All die Erinnerungen, die kostbare Zeit in diesem alten Zuhause, werden beiseite geschoben werden. Und es wird ein neues Zuhause entstehen: Eine Ehe.

 Man wird die Eltern verlassen und dann - so steht es in der Bibel - wird man “aneinander kleben” und sich umarmen, einander kennenlernen und verschmolzene Herzen haben, eine kostbare, neue Beziehung.

 Verlassen, aneinander hängen - und dann die Hauptsache: Diese Beziehung wird so vertraut sein, dass die beiden “ein Fleisch” werden. Dieser Ausdruck ist nicht einfach ein Hinweis auf den Geschlechtsverkehr. Gott meint mehr: Es wird Vertrautheit, Intimität und Vertrauen geben, Kommunikation, Glaubwürdigkeit, Feingefühl, Ermutigung und Unterstützung, Liebe, Zärtlichkeit, Freundlichkeit. All das wird in dieser Beziehung so leicht und natürlich hin- und herfliessen, dass es sein wird, als ob die beiden eins sind.

 So sieht Gottes Ehe-Ideal aus: “Verlasse und klebe an einem Partner, zu dem Gott dich führt, und ihr werdet ein Fleisch - unzertrennlich.” Deswegen sagt Jesus in Matthäus 19: “Lasst nichts und niemanden trennen, was Gott so zusammengefügt hat.” So wichtig ist das schöpferische Ideal der Ehe, dass sie in Epheser 5,32 als irdische Kopie der Beziehung Gottes zu seinem Volk angeführt wird. So hingegeben, so untrennbar verbunden, wie Jesus mit seiner Gemeinde, werden Ehemann und Ehefrau werden. Dieser Prozess soll das Umfeld gewährleisten, um Kinder aufzuziehen. Kinder benötigen Stabilität. Sie brauchen es, wirklich erwünscht zu sein. Sie brauchen das Vertrauen und eine reife, respektvolle Beziehung um sie herum.

 Und: Dieses Ideal des Schöpfers soll der ganzen Welt ein Zeugnis von der Macht Jesu Christi geben. Nicht sehr viele Ehen schaffen das heutzutage. Jede Ehe, besonders jede christliche, die Gottes Schöpfungs-Ideal darstellt, ist mehr als je zuvor ein Zeugnis von der Macht Christi, die Menschen zusammenbringt und zusammenhält - aus zwei Menschen einen schmilzt.

 Für unser Thema ist es sehr wichtig, zu verstehen, was Gott mit der Ehe im Sinn hatte. Vielleicht sagt er deshalb in Maleachi 2,16: “Ich hasse Scheidung.” Klarer kann man es nicht ausdrücken. Weil Gott eine so klare Absicht mit der Ehe hat, soll sie untrennbar bleiben.

2. Aufgrund der Zerbrochenheit der Schöpfung und des Falles der menschlichen Natur erlaubt die Bibel in einigen Fällen eine Scheidung als Reaktion auf die Sündhaftigkeit des Menschen und zum Schutz des unschuldigen Partners.

 Vermutlich ist Ihnen die Geschichte vertraut, die Theologen den “Sündenfall” nennen: Adam und Eva sündigten gegen Gott. Sie assen von dem Baum, von dem sie nicht essen sollten, und sie wurden dafür bestraft: Wir leben jetzt unter dem Fluch in einer von Sünde verseuchten Welt. Das erste, was daraufhin zerbrach, war die Beziehung zwischen Adam und Eva. “Er soll über dir herrschen”, heisst es da - auch die Ehe hat damit ab sofort einen etwas anderen Geschmack. Gottes Absicht ist zwar immer noch da, jetzt aber gibt es zwei Sünder, die versuchen, einem heiligen Standard gemäss zu leben. Und es ist klar: Das wird nicht perfekt funktionieren. Nach dem Sündenfall sehen wir auf einmal eine neue Krankheit (Jesus erwähnt sie später in Matthäus und Markus), die sich unter den Menschen ausbreitet: Verhärtete Herzen.

 Wenn Gott Adam früher etwas zu tun gegeben hatte - die Anweisung etwa, den Garten zu beackern, dann entgegnete Adam: “Das will ich tun, Herr. Weil du mich darum gebeten hast und weil ich ein sanftmütiges, empfängliches Herz habe.” Adam und Eva wollten all das tun, was Gott von ihnen wollte. Sie waren empfänglich für ihn. Die Herzenshärte begann auf dieser Welt, als die giftige Schlange Adam und Eva versuchte und sie beschlossen, nicht länger Gottes Weg, sondern ihren eigenen zu gehen. Nach dem Fall wurden ihre Herzen verhärtet. Wir sehen diese Herzenshärte, als Kain Abel ermordet oder Lamech beschliesst, dass er zwei Frauen möchte (1. Mose 4,19) und einen Mord begeht. Von Gott gelöste, unabhängige Entscheidungen, rebellische Haltungen, Lust an der Macht, das Interesse an sich selbst und dem persönlichen Vergnügen: Herzenshärte.

 Wir alle bemerken die Auswirkungen dieses Sündenfalls in unserem Alltag und bei uns selbst. Herzenshärte ist zugleich die häufigste Ursache für die Zerstörung oder Auflösung einer Ehe. Was läuft da ab?

 Am Anfang einer Beziehung geht es meist sehr zärtlich zu. Er denkt die ganze Zeit an sie, öffnet ihr die Autotür, schreibt ihr kleine Zettelchen und ruft sie aus dem Büro an. Er erfindet Kosenamen für sie, gibt Partys und überreicht ihr Geschenke ...
 Wenn sie ihm mal weh getan hat, sagt sie: “Oh, ich fühle mich so schrecklich; ich habe deine Gefühle verletzt ...” Und er tröstet: “Ach, das ist schon in Ordnung. Ich weiss ja, dass du es nicht so gemeint hast!” Da ist Zärtlichkeit und Sanftheit in der ganzen Sache, beide möchten, dass ihre Beziehung funktioniert.

 Dann heiratet man. Und drei Wochen nach den Flitterwochen beginnt Streit und Kampf. Keiner ist so richtig schuld, vielleicht beide nur ein wenig. Sie sitzen sich am Esszimmertisch gegenüber und die verhärteten Herzen regieren: ”Wenn er glaubt, ich krieche jetzt zu ihm und bitte um Entschuldigung, dann irrt er sich!” denkt sie. ”Wenn die meint, ich mache den ersten Schritt und entschuldige mich für das, was hier passiert ist, liegt sie daneben! Ich werde ihr weh tun!” meint er. Und die Frau beschliesst: ”Ich werde ihn auch verletzen!” Also fangen sie an, sich gegenseitig zu verletzen. Und auf einmal findet man den Ausweg nicht mehr. Eine bekannte Szene ...

 Der Heilige Geist dagegen schreit Gläubigen ständig ins Ohr: “Hey, was soll diese Herzenshärte!?” Und in Epheser 4,32 steht: “Seid freundlich und barmherzig!” Aber wir bleiben dabei: “Ich möchte nicht auf dich hören, Heiliger Geist. Ich will nicht, dass du meinen Körper, meine Seele und meinen Geist beherrschst und kontrollierst!” Also gibt es Ärger und Distanz, Verletzung und Bitterkeit.

 Wenn zwei nicht vollkommene Geschöpfe eins werden möchten, dann muss man mit solchen unumgänglichen Alltagskonflikten und Missverständnissen auf eine weichherzige Art umgehen - oder diese Ehe sieht sich bald mit sehr ernsthaften Problemen konfrontiert. Wenn Menschen bei all ihrer Unterschiedlichkeit ein weiches Herz in der Ehe erhalten, dann wird sie wahrscheinlich funktionieren - egal, was ihr widerfährt: Leid, Unglück, Versuchungen. Aber injiziere einem oder beiden die miese alte Mischung Herzenshärte - und das Ganze führt gegen die Wand und ist zum Scheitern verurteilt.

 Eine Ehe zu erhalten, nach Gottes Idealen zu leben, ist, als ob man den Studiengang “Charakterentwicklung” belegt. Wir müssen ein weiches Herz und ein offenes Ohr für den Heiligen Geist behalten, damit unsere Ehe ein wirkliches aneinander Kleben ist. Eine Ehe, die beide immer wieder zusammenbringt - so, wie Gott es beabsichtigt hat.

Was geschieht, wenn Herzen lange verhärtet sind oder hart bleiben? Ein bisschen Liebe ist noch da, aber es hat viel Verletzung, Ärger, Auseinandersetzung und Reibereien gegeben. Es gibt sehr wenig Romantik oder Zuneigung, auf jeden Fall aber Misstrauen, Verwirrung, Entfremdung. Und irgendwann bemerkt dann der hartherzige Herr Müller oder Meier, dass seine Sekretärin oder die Nachbarin ihm gerade viel besser gefällt als seine eigene Frau. Und er sagt sich: “Die wäre eine viel bessere Frau für mich! Wenn ich mit ihr zusammen wäre, hätte ich diese Probleme nicht mehr! Ich wette, sie würde mich umsorgen, sie ist verständnisvoll und kooperativ und - weichherzig.” Und die hartherzige Frau Müller-Meier sieht ihren Nachbarn oder Chef und denkt: “So jemanden kann ich wirklich respektieren! Der redet mit mir! Mit dem möchte ich zusammensein. Solch ein weichherziger Mann! Das ist es, was ich will!”

 Gott aber sagt die ganze Zeit zu den beiden: “Tu es nicht! Verlasse deine Beziehung nicht, verlasse deine Ehe nicht, um mit jemand anderem zusammenzusein! Ja, verlasse deine Eltern, klebe an einer Frau, die Gott dir gibt, und ihr werdet ein Fleisch. Bleibe weichherzig und gehe daran vorbei!” Aber auch der Böse redet auf sie ein: “Nein! Renne weg von den Problemen, die mit deiner Hilfe in deiner Ehe entstanden sind. Mit jemand anders wird es dir besser gehen!”

 Gott sagt, folgendes wird passieren, wenn Sie je in solch ein Denken verfallen sollten: Sie werden diese Beziehung verlassen und die nächste beginnen. Und wahrscheinlich werden Sie dort dasselbe Problem haben. Und dann werden Sie sich wieder ausserhalb Ihrer Ehe umschauen und sich sagen hören: “Jetzt gefällt es mir besser!” Es wird häufig jemanden geben, der Ihnen besser gefällt als Ihr Ehepartner.

 Gott aber sagt: “Ich werde dir nicht erlauben, die Person zu verlassen, an der du klebst und hängst und mit der du ein Fleisch zu werden versuchst, um in eine andere Beziehung zu flüchten. So etwas hasse ich, ich finde es abscheulich!” Das wäre eine Flucht von der Charakterschule. Wenn Sie in eine neue Beziehung gehen, dann wird wahrscheinlich wieder dasselbe passieren, und nichts garantiert Ihnen, dass Sie dieses Muster jemals durchbrechen. Sie werden damit an Gottes gutem Ideal vorbeigehen, menschliches Leben zerstören und Familien auseinanderbringen.

 Herzenshärte ist nicht die einzige, aber wohl immer die Hauptursache für Zerbruch und Scheidung gewesen. Unter idealen Umständen, sozusagen im geistlichen Utopia, würde es nur weiche Herzen geben - und jede Ehe würde das von Gott vorgegebene Ideal erreichen. Gott würde verherrlicht, die Beziehungen würden gedeihen, und das ewige Happy End regiert. Aber die Bibel verkündet, was wir alle aus eigener Erfahrung bejahen: Diese Welt ist kein geistliches Utopia. Es gibt unter uns keine vollkommen weichherzige Person. Gottes Ideal wird also selten erreicht.

Was aber wird Gott jetzt tun, wo Sünde die Menschheit überschattet und das Ideal nicht mehr erreicht werden kann? Wie wird Gott auf die Hartherzigkeit des Menschen eingehen? Hartherzige Ehepartner strafen oder augenzwinkernd akzeptieren, dass wir eben eine gefallene Schöpfung haben und man das alles nicht so eng sehen kann? Oder wird Gott barmherzige Schritte einleiten, um die weichherzigen Ehepartner zu schätzen und zugleich die hartherzigen Partner zur Rechenschaft zu ziehen? Wird Gott es hartherzigen Menschen ermöglichen, Buße zu tun, wenn sie zur Besinnung kommen? Werden Sie einen neuen Anfang machen und ihre Hingabe an ein weiches Herz erneuern können?

 So ist es: Kurz nach dem Sündenfall schafft Gott eine Regelung, die der neuen Hartherzigkeit des Menschen gerecht wird. In der Absicht, die Scheidungsrate zu verringern und besonders Frauen, die zum Opfer geworden sind, zu schätzen (5. Mose 24,1-4), erlaubt er widerwillig die Scheidung. Vorher war es so gewesen, dass Männer - in einer orientalisch-männerorientierten Kultur - heirateten und ihre Frau jederzeit und aus jedem Grund (etwa wenn sie ihre Frau nicht mehr mochten oder eine schönere sahen) rauswarfen und eine andere zu sich nahmen.

 Hier gab Gott drei Bedingungen, unter denen sich ein Mann von seiner Frau scheiden lassen konnte:
1. Der Mann musste der Frau eine Scheidungsurkunde ausstellen, auf der er seine Gründe aufführte. Die Sache wurde also öffentlich und musste sogar dem Priester ausgehändigt werden. Hier kommt also ein bisschen mehr Verantwortlichkeit ins Spiel.
2. Der Mann selbst musste die Urkunde seiner Frau  überreichen, so dass sie die Erklärung verstand und ein Mindestmass an Würde erhielt.
3. Im Scheidungsrecht gab es eine weitere Bedingung, dass der Mann, nachdem er seiner Frau einmal eine Scheidungsurkunde gegeben hat, sie keinesfalls später wieder heiraten konnte. Gott wollte damit sagen: “Bevor du diese Frau aus deinem Zelt verstösst, sei dir lieber ganz sicher, dass das nicht nur eine Laune ist und du sie drei Wochen später zurückhaben willst.” Eine Auflage, um der Herzenshärte des Menschen zu begegnen und zugleich das biblische Gebot aufrechtzuerhalten.

 In 5. Mose 24,5 gibt Gott im Mosaischen Gesetz die Anweisung, dass alle frisch verheirateten Männer ein Jahr lang nicht zum Kriegsdienst herangezogen werden dürfen, sondern zu Hause bleiben und an ihrer Ehe bauen sollen. Gott lässt das Thema Scheidung aber nicht einfach so laufen, weil er widerwillig einige Ausnahmen zugesteht. Nein, direkt nach den Scheidungsregeln sagt er: “Bleibt zu Hause, investiert ein volles Jahr in eure Ehe. Dieses gestaltende, aufbauende Jahr ist wichtig, es ist eine wesentliche Zeit.”

Das ganze Alte Testament hindurch bis zur Zeit Jesu kommen nun zwei Geisteshaltungen oder Denkschulen zum Vorschein. Die eine, sehr liberale Haltung lehrte, dass ein Mann sich von seiner Frau wegen allem möglichen scheiden lassen konnte. Die konservative besagte, ein Mann könne sich nur dann scheiden lassen, wenn seine Frau die Ehe bricht oder ihr früheres Fehlverhalten noch andauert; wenn also Sünde, ein wirklich ernsthaftes Problem vorliegt. Diese zwei rabbinischen Traditionen überlebten das ganze Alte Testament bis zur Zeit Jesu und unterschieden sich nur an diesem Punkt. Wir sollten diese Zusammenhänge kennen, wenn wir dann Jesu entscheidende Aussagen über Scheidung lesen. Alles, was wir danach über Scheidung lesen, lässt sich vor diesem Hintergrund einordnen.

 “Einige Pharisäer kamen zu ihm, weil sie Jesus eine Falle stellen wollten” (Matthäus 19,3). Sie wollten ihn zweifelhaft erscheinen lassen, ihn öffentlich austricksen. Darum wollten sie ihn fragen, welche Schule, welche Denk-Tradition er bevorzugt: “Denkst du, wir sollten alle die liberale Hillah-Theorie vertreten, die sagt, egal warum, jeder kann sich scheiden lassen? Oder stehst du auf der Seite der Shamai-Schule, die besagt, dass man einen besonderen Grund, ein wirkliches Fehlverhalten braucht, um sich - von Gott legitimiert - scheiden zu lassen?” In Vers 3 ist es so formuliert: ”Darf man sich von seiner Frau aus jedem beliebigen Grund trennen?”

 Es scheint so, als ob die Pharisäer voller Arroganz auftreten: ”Jesus, lass uns über Scheidung reden! Lass uns mal darüber reden, wie wir Scheidungen legitimieren können, so dass die Leute, die jemand anderen heiraten möchten, das tun können. Lass uns die technischen Details klären: Wie gross müssen die Probleme sein, damit man eine Ehe auflösen und eine andere beginnen kann?” Sie wollen Jesus in die Pfanne hauen, sie sind nicht in Sorge um Gottes Ideal.

 “Jesus antwortete: Lest ihr denn die Heiligen Schriften nicht?” Nun sind die Fragesteller allerdings Pharisäer, Experten. Er wehrt die Anfrage also elegant ab und fragt indirekt danach, ob sie vielleicht nicht auf dem akademisch letzten Stand seien: ”Ich bin sicher, ihr habt das gelesen - jedenfalls würde ich vorschlagen, dass ihr es tut ... “

 “Da heisst es doch, dass Gott am Anfang Mann und Frau schuf und sagte: Ein Mann verlässt seine Eltern und verbindet sich so eng mit seiner Frau, dass die beiden eins sind mit Leib und Seele. Sie werden also eins sein und nicht länger zwei voneinander getrennte Menschen. Was aber Gott zusammengefügt hat, darf der Mensch nicht trennen” (Vers 4-6). Jesus sagt also: “Hör auf, mit diesen Entschuldigungen herum zu mogeln, damit du deine Beziehung verlassen und dich in eine neue begeben kannst! Ihr denkt falsch! Diese Sachen finde ich abscheulich! Wir sollten uns eher darum kümmern, wie wir das Schöpfungs-Ideal erreichen können! Ihr aber mogelt hier mit Details herum, wie man aus einer Beziehung herauskommt ... Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, wie wir in der Ehe bleiben können, so, wie Gott das beabsichtigt hat. ”Was Gott zusammengefügt hat, darf der Mensch nicht trennen.”

 Dann kommen die Pharisäer wieder auf ihn zu: ”Warum hat Mose dann befohlen, dass der Mann seiner Frau eine Scheidungsurkunde gibt, wenn er sich von ihr trennt?” Aber Jesus gibt sofort zurück: ”Wegen der Härte des Herzens hat Mose es erlaubt.” Er hat es erlaubt! Mose hat überhaupt nichts befohlen. Es geht um Herzenshärte. Es geht um Menschen, die so eigensinnig und egozentrisch sind, so kurzsichtig und im Geist rebellisch, dass sie weder ihrem Ehepartner noch Gott gegenüber sanftmütig sein werden. Nur wegen der Härte des Herzens gab es im Mosaischen Gesetz ein Entgegenkommen, so dass bestimmte Umstände eine Scheidung legitim machten. Ursprünglich aber war es nicht so gedacht.“

 Jesus sagt an dieser Stelle: “Ich sage euch, dass jeder die Ehe bricht, der sich von seiner Frau trennt und eine andere heiratet” (es sei denn, seine Frau lebt selbst im Ehebruch, Vers 9). Lassen wir die Ausnahme einmal weg: “Ich sage euch, dass jeder die Ehe bricht, der sich von seiner Frau trennt und eine andere heiratet.“ Das Zentrale bleibt: Gott will nicht, dass man von einer Beziehung zur nächsten springt. Aber er sagt in diesem Text: Wenn es Ehebruch gegeben hat, kann das ein Grund für eine Scheidung sein. Wir finden dasselbe noch einmal in Matthäus 5,31/32.

 Das griechische Wort “porneia”, das hier steht und in vielen Übersetzungen als Ehebruch übersetzt wird, bedeutet eigentlich Unzucht oder sexuelle Sünde. Es umfasst auch Ehebruch, ist aber nicht darauf beschränkt. Es gibt andere Arten sexueller Sünde, die der sehr breite Begriff “porneia” darstellt - der Begriff, der laut Jesus eine Scheidung erlaubt.

Ich möchte aus pastoraler Sicht erklären, was es mit dieser biblischen Ausnahmeklausel auf sich
hat. Die Bibel bewertet Verhaltensmuster unterschiedlich. Sie sieht, dass es Menschen gibt, die als Ausnahme von ihrem normalen Verhaltensmuster in eine Sünde fallen oder von ihr überfallen
werden. Da ist ein Geschäftsmann unterwegs, der diese eine Nacht eingeht, wegen der er sich für den Rest seines Lebens mies fühlt. Er wurde in einem Moment der Schwäche erwischt, weit weg von zu Hause, einsam, allein. Schon während er diese Sünde begeht, fühlt er sich schrecklich ... Er tut Buße und kehrt um. Er bekennt es seiner Ehepartnerin, erzählt es vielleicht einem Seelsorger in der Gemeinde, empfindet seine Schuld und den Zerbruch und demütigt sich darunter.

 Wo die Dinge so liegen, da entspricht es dem Geist Jesu, dem untreuen Partner zu vergeben. Die Bibel würde im Fall solcher sexueller Sünde zwar eine Scheidung erlauben, aber es ist absolut nicht notwendig, sie zu beenden. Tatsächlich gibt es in vielen Fällen, wo Menschen von Sünde übermannt wurden, anschliessend eine wirkliche und echte Versöhnung und eine Wiederherstellung des Vertrauens. Oft gehen Ehen aus solchen Kämpfen sogar gestärkt hervor und Gottes Gnade und Liebe wird in dem allen deutlich.

 Aber in der Bibel wird noch eine andere Art von Ungehorsam beschrieben. Dort geht es dann mehr um sündige Verhaltensmuster, wo jemand in gewohnheitsmässige Verhaltensmuster des Ungehorsams verstrickt ist. Wo kein bußfertiger Geist ist, sondern Betrug und Vertuschung, ständige heimliche Treffen, häufige sexuelle Sünde. In solchen Fällen ist Versöhnung manchmal unmöglich, weil es solch einen Verfall der Glaubwürdigkeit und des Vertrauens gegeben hat und so viel Verletzung und Verwüstung, dass die Ehe für alle guten Absichten und Vorschläge tot ist. Der Bund der Ehe ist dermassen verletzt, dass er wertlos geworden ist. Hier sagt unser Herr, dass es Scheidung gibt. Nach diesem Verständnis können Christen als Folge von Ehebruch in Gottes Augen legitim geschieden werden.

 Eine Scheidung ist aber auch dann möglich, wenn jemand verlassen wird. In 1. Korinter 7 finden wir dazu Aussagen. ”Verlassen” meint hier die praktische Aufgabe der Ehe-Beziehung. Paulus fügt unter der Inspiration des Heiligen Geistes eine zweite Situation hinzu, die eine biblisch gerechtfertigte Scheidung zur Folge haben könnte: “Wenn ein Christ eine ungläubige Frau hat, die bei ihm bleiben will, soll er sich nicht von ihr trennen. Und wenn eine Christin einen ungläubigen Mann hat, der bei ihr bleiben will, soll sie ihn nicht verlassen. Denn der ungläubige Mann ist durch seine gläubige Frau und die ungläubige Frau durch ihren gläubigen Mann Christus sehr nahe. Deshalb stehen ja auch eure Kinder unter Gottes Segen. Wenn aber der ungläubige Partner auf einer Trennung besteht, dann willigt in die Scheidung ein. In einem solchen Fall ist der christliche Partner nicht länger an den anderen gebunden. Denn Gott will, dass ihr in Frieden lebt” (1. Korinther 7,12-15).

 Es ist ein biblisch legitimer Grund für eine mögliche Scheidung, wenn in einer Ehe von zwei Ungläubigen einer zu Jesus findet und der andere daraufhin sagt: ”Ich will deinen Gott nicht anbeten! Das hat so viel Spannung in diesem Haus verursacht, ich kann deine Gebete nicht mehr aushalten, ich kann all das fromme Zeug nicht mehr aushalten, ich verlasse diese Ehe ...”

 Kompliziert ist an dieser Stelle sicher, dass manche Ehepartner meinen und für sich beanspruchen, Christ zu sein, ihren christlichen Partner verlassen und nach und nach stellt sich dann heraus, dass sie eigentlich keine Christen waren. Ihr Verlassen demonstriert geradezu ihren unerlösten Zustand. Man muss also vorsichtig sein, wie man Christsein, wirkliches gläubig sein definiert. Aber wenn einer den anderen verlässt, einer die Ehe praktisch aufgibt, dann kann das in Gottes Augen ein legitimer Grund für eine Scheidung sein.

 Es gibt allerdings auch Ehepartner, die ihre Ehe verlassen, nicht an dem anderen hängen, nicht mehr versuchen, immer tiefer ”ein Fleisch” zu werden, die hartherzig sind und gegen Gott rebellieren - aber aus rein wirtschaftlichen Gründen zu Hause bleiben. Man nennt das dann noch “Ehe”, die beiden sind “geographisch” gesehen noch am selben Fleck, aber es gibt längst ein emotionales, psychologisches, geistliches, beziehungsmässiges Verlassen des anderen. Die Ältesten unserer Gemeinde und ich würden in diesem Fall sagen, dass auch dies ein Verlassen ist - auch wenn man äusserlich noch unter einem Dach lebt.

  Noch einmal: Das Herz eines wirklich Gläubigen lässt ihn sanftmütig und empfänglich sein und gibt ihm die Absicht, auch innerlich in der Ehe zu bleiben. Es ist der Unglaube, der meint, sich in einer Sackgasse zu befinden, und der dann raus will aus der Beziehung. Wer so als Ungläubiger heraus will aus der Beziehung, von dem sagt die Bibel, dass man ihn gehen lassen soll. Auch hier wird Scheidung biblisch legitim. Nein, auch dies ist nicht Gottes Ideal! Es ist einfach nur ein Entgegenkommen Gottes gegenüber der Herzenshärte des einen Teils.

Was aber ist mit einer Wiederheirat? In solchen Fällen ist der unschuldige Partner nicht gebunden, er oder sie ist frei, wieder - allerdings “im Herrn”, also einen Christen zu heiraten (1. Korinther 7,15) Er oder sie ist nicht mehr ”gebunden” an die vormalige Ehe. Hier wird derselbe Begriff verwendet wie in 1. Korinther 7,39: ”Eine Frau ist gebunden, solange ihr Mann lebt; wenn aber der Mann entschläft, ist sie frei, zu heiraten, wen sie will; nur dass es in dem Herrn geschehe.”

 In diesen beiden Fällen - Ehebruch und Verlassen - kann es eine in Gottes Augen gerechtfertigte Scheidung und auch eine Wiederheirat geben - allerdings nur mit einem Christen und auf jeden Fall erst, nachdem wirklich jede einzelne Möglichkeit, jeder nur irgend mögliche Weg zu einer Versöhnung ausgeschöpft worden ist. Immer prüfen wir als Gemeinde den Willen zur Versöhnung und ermutigen und fordern heraus und konfrontieren manchmal und sagen: “Kommt, versöhnt euch! Verlassen, Anhangen, ein Fleisch sein ist immer das Beste, das Gott uns anbietet.” Wegen des Sündenfalles des Menschen, wegen verhärteter Herzen und aufgrund von Ehebruch und des Verlassens kann es - als ein Eingehen auf die Sündhaftigkeit des Menschen - eine Scheidung geben, und durch Gottes Gnade kann es auch eine Wiederheirat geben.

 Wichtig allerdings ist, dass wir eine Wiederheirat von Christen ablehnen, wenn die Scheidung als ein Mittel benutzt wird, um auf einen anderen Partner zuzugehen, einen neuen Partner zu suchen. Solch eine vorher schon feststehende Absicht hinter einer Scheidung macht sie ehebrecherisch (Matthäus 19,9; 5,32). Diese Sache ist ernst: Wer sich scheiden lässt, um jemand anderes zu heiraten, begeht Ehebruch. Gott sagt eindeutig nein dazu, in einer ehelichen Beziehung zu leben und mit voller Absicht mit einem Auge auszuwandern, weil jemand draussen hübscher aussieht, verführerischer, reicher oder freundlicher ist - um dann am Ende die jetzige Ehe aufzugeben und mit jemand anderem zusammenzusein. So etwas ist in den Augen Gottes eine schwere Pflichtverletzung. Als Gemeinde werden wir solch einen Versuch von Wiederheirat oder Heirat nicht billigen und unsere Zusammenarbeit verweigern. Leute, die mit solchen Paaren befreundet sind, sollten ihr Bestes
geben, um sich solch einem Versuch entgegenzustellen und diese Leute auf ihr Tun aufmerksam zu machen. Seine Ehe zu verlassen, um einen anderen zu heiraten, ist in Gottes Augen nicht akzeptabel.

 Was aber ist, wenn zwei Menschen es trotzdem tun? Und was, wenn sie nach ein paar Jahren darüber zerbrochen sind, ihre Missachtung erkennen und sagen: ”Wir haben einen schlimmen Fehler begangen! Wir haben Gott unsere Faust entgegengestreckt und wollten unseren eigenen Weg
gehen”? Was ist, wenn sie gedemütigt und zerbrochen vor Gott stehen, ernsthaft Buße tun möchten und zurückkehren wollen in die Gemeinschaft der Gläubigen - was sollen wir dann tun? Wie Jesus sollten wir ihre Buße ernst nehmen, ihnen 70 mal 7 mal vergeben und sie willkommen heissen. Gott kann auch dies vergeben. Aber es ist eine sehr, sehr ernste Angelegenheit, wenn man eine Ehe zugunsten eines anderen Mannes oder einer anderen Frau bricht. Und es wird lebenslang Narben und Wunden hinterlassen.

3. Die Wiederheirat von Christen kann nicht unterstützt werden, wenn es kein Zeichen der Buße für die Umstände gibt, die die Scheidung verursacht haben.

 Eine Scheidung ist heute so einfach. Man spricht von einer ”Scheidung ohne Schuld”. Aber in Gottes Augen gibt es so etwas nicht. Es kommt zu einer Scheidung, weil die Herzen verhärtet sind - und zwar bis zu einem gewissen Grad bei beiden Partnern. Ich habe genug Eheseelsorge erlebt, um zu wissen, dass immer beide in Probleme verstrickt sind. Und wenn nach einer Scheidung wirklich irgendwann eine Wiederheirat zur Diskussion steht, dann ist es absolut notwendig, dass völlig offen darüber gesprochen wird, was in der alten Beziehung schief gelaufen ist, wo Schuld auf beiden Seiten lag und worunter man sich selbst beugen muss, was man eingestehen muss und anders machen will. Wo müssen Sie etwas offen vor Gott und anderen zugeben und um Vergebung bitten? Wenn ein Mensch unwillig ist, das zu tun, dann sollte ein Pastor seine Zustimmung zur Trauung verweigern. Wer in seiner alten Beziehung in eine Sackgasse geraten und einfach aus der Ehe ausgestiegen ist, jetzt jemand anderes sieht und eine neue Ehe beginnen will, ohne mit den alten Problemen im Reinen zu sein, ohne zu wissen, was das Scheitern der ersten Ehe verursacht hat, den oder die sollte die Gemeinschaft der Gläubigen nicht unterstützen. Im Gegenteil, wir sind aufgefordert, zu reden: “Komm, mach eine saubere Sache. Du bist in der Charakterschule Gottes, du hattest den Heiligen Geist, und du wurdest gelehrt, ein sanftmütiges Herz zu erhalten.” Wiederheirat in solch einem Fall ist keine Option - aber natürlich können wir niemanden daran hindern, das zu tun. Als Gemeinde aber sollten wir solch eine Entscheidung nicht unterstützen.

4. Die Wiederheirat von Christen kann nicht unterstützt werden, wenn die Wiederher- stellung der ursprünglichen Ehe eine echte Möglichkeit ist.

 In 1. Korinter 7, 10-11 lesen wir: ”Was ich jetzt den Verheirateten sage, ist kein persönlicher Rat, sondern ein Gebot unseres Herrn Jesus Christus: Keine Frau darf sich von ihrem Mann scheiden lassen. Hat sie sich aber doch von ihm getrennt, soll sie unverheiratet bleiben oder sich wieder mit ihrem Mann versöhnen.” Dasselbe gilt für den Mann.

 Was ist, wenn es keinen Ehebruch gegeben hat, wenn niemand bereits eine andere Beziehung im Sinn hat, wenn es kein Verlassen gegeben hat - es aber dennoch Eheschwierigkeiten gibt? Wenn es scheint, dass die beiden nicht sanftmütig genug zueinander sein können und es Gleichgültigkeit, Kampf, Verletzung, Missverständnisse, Eiszapfen in der Luft usw. gibt? Wenn ein Gläubiger für eine Weile auszieht und sagt: ”Nicht für immer, aber ich kann so nicht leben”?

 In einem solchen Fall sollen wir allein bleiben, sagt die Bibel. Hören Sie nicht auf das Flüstern des Bösen, der sagen wird: ”Hey, besorge dir doch einfach einen anderen! Geh doch mit Susi! oder: Zieh einfach für immer aus!”

 Gottes Anweisung für diesen Fall - in dem die legitimen Gründe für eine Scheidung nicht zutreffen - lautet: ”Mach langsam, ganz langsam! Bleib Single. Fang nicht mit Verabredungen an, bleib allein! Suche die Versöhnung - auch wenn sich nur eine Möglichkeit, ein noch so kleiner Hoffnungsschimmer zeigt, dass diese Ehe versöhnt werden könnte. Denk nicht an Rendezvous und daran, die Tür vielleicht für immer hinter dir zuzuschlagen, denn da ist immer noch Hoffnung, du hast immer noch einen Versuch, es gibt immer noch Potential, Gottes Ideal zu erreichen.” Das kann Kompromisse und Bekennen, Beratung und Seelsorge beinhalten, Abstand gewinnen und Gebet, Fasten und Einbeziehen der Geschwister im Leib Christi - einen Seelsorger, die Ältesten, den Kleingruppenleiter, wen auch immer. Auf jeden Fall aber: Bleiben Sie allein und halten Sie daran
fest, zu hoffen und zu beten und eine Versöhnung der Beziehung zu versuchen. Machen Sie die Sachen nicht noch schlimmer, indem Sie noch weiter gehen.

Was geschieht in der Praxis? Ein Partner sagt vielleicht: ”Okay, wir waren jetzt soundso viele Jahre allein, der andere wird sich nicht mit mir versöhnen. Wirklich jeder Weg der Versöhnung wurde ausgeschöpft.” An einem bestimmten Punkt, wenn ein Partner sich über eine lange Zeitspanne hinweg absolut weigert, Versöhnung auch nur in Erwägung zu ziehen - was heisst das dann? Es bedeutet, dass diesem Partner eine grundlegende Haltung fehlt, die im Herzen jedes Gläubigen wohnt: Der Geist der Versöhnung, der Geist der Sanftmut und Vergebung. Was bedeuten könnte, dass dieser Mensch überhaupt kein Christ ist. Denn kann ein wirklich Gläubiger derart hartherzig sein, dass er sich die ganze Zeit strikt weigert, Versöhnung auch nur zu versuchen?

 Wenn das der Fall ist, kommt irgendwann der Punkt - eine Sache, die Gottes Herz bricht -, wo ein Urteil, vielleicht von mehreren anderen Gläubigen oder den Ältesten, gefällt werden muss, dass es keine weiteren Möglichkeiten mehr gibt. Man betrachtet die Situation dann als “Verlassen”. Dann wäre eine Wiederheirat möglich.

 Wir hatten in unserer Gemeinde einige Probleme mit Leuten, die gerade eine Trennung durchmachen. Die Scheidung steht kurz bevor, und sie fangen schon an, sich zu Rendezvous zu treffen. Aber die Scheidung ist noch nicht mal abgeschlossen! Und die Leute sind schon mit anderen Leuten zusammen und verabreden sich ernsthaft. Auch das ist für uns nicht akzeptabel. Es ist gefährlich nah daran, etwas zu tun, was Gott nicht will. Eine Beziehung zu verlassen, um in die nächste zu springen, geht gegen alles, was Gott sagt.

 Als Verantwortliche für unsere Gemeinde erschiene es uns viel weiser, die Scheidung abzuschliessen, und dann eine Zeit zu haben, wo man als Single lebt. Ohne Versuche, mit irgend einem anderen Partner anzubandeln. Eine Zeit der Buße, der Trauer und des Reinwerdens, der Wiederherstellung der persönlichen Integrität und des Glaubens an Gott und des Dienstes im Leib Christi. Eine Zeit, in der man bewusst Freundschaft und Gemeinschaft mit gleichgeschlechtlichen Geschwistern sucht. Vielleicht sechs Monate, vielleicht ein Jahr. Um vor Gottes Augen, sich selbst und den Brüdern und Schwestern zu zeigen, dass es hier nicht darum ging, in eine andere Beziehung zu gelangen. Ich denke, dass das viel besser wäre als Trennung, Scheidungsantrag und direkt anschliessend die Beziehung mit jemand anderem. Es geht um das Sterben einer Ehe. Da sollte Trauer sein, und eine ganze Menge Nachdenken und Besinnung über das, was da geschah.

 Diese Ausführungen beziehen sich nicht auf Scheidungen vor der Bekehrung. Das bedeutet, dass gescheiterte Ehen der Vergangenheit einen Menschen nicht notwendigerweise davon ausschliessen, nun einen Menschen aus der Familie Gottes zu heiraten. Das bedeutet absolut nicht, dass man nicht vor Gott für sein Leben verantwortlich ist. Es heisst lediglich, dass solche Fehler nicht notwendigerweise als endgültig betrachtet werden müssen. Das Christentum ist der Glaube an die zweite Chance.

 Dennoch würden wir in der Seelsorge immer zur Umkehr raten. Da hat sich vielleicht ein Mann bekehrt, der ein Jahr zuvor von seiner Frau geschieden wurde. Wenn seine Frau inzwischen nicht wieder verheiratet ist, würden wir in der Seelsorge sicher fragen: “Warum gehen Sie nicht zurück zu Ihrer Ex-Frau? Warum sagen Sie ihr nicht, was mit Ihnen passiert ist? Gehen Sie nicht mit jemand anderem zusammen, gehen Sie zurück und versuchen Sie, sich zu versöhnen. Vielleicht könnten Sie diesen Menschen zu Jesus führen! Wenn Ihr Ex-Partner zu Gott finden würde, könnten Sie wieder versöhnt werden. Wäre das nicht phantastisch?! Wäre das nichts?” Wenn es Ihre Ehe wäre, die da gestorben ist und nun, durch das Wirken des Heiligen Geistes, neu zum Leben käme und Gott wieder ehren würde, wäre das nicht das Allerbeste? Werfen Sie Beziehungen nicht weg!

Zum Schluss möchte ich hier betonen, dass jeder einzelne Fall für sich betrachtet werden muss - und zwar aus dem Blickwinkel Gottes unerschöpflicher Fähigkeit, menschliche Sünde zu vergeben und zerbrochene Leben wiederherzustellen.

 Diese grundlegenden Prinzipien gelten für alle, aber in manchen Fällen müssen sie mit einem speziellen Verständnis für die individuelle Situation angewandt werden. Scheidung ist Sünde, Gott hasst sie, aber sie ist nicht die unvergebbare Sünde. Sie kann vergeben und bereinigt werden, wenn es Buße und Reue gibt.

 In der Ehe von Lynne und mir - und das sagen wir ganz ohne Stolz, wir schämen uns, das zuzugeben, aber vielleicht müssen wir es - gab es Zeiten, bestimmte Krisenpunkte, wo wir, hätten wir uns nicht unter das Wort Gottes gebeugt und daran gehalten, schon getrennt wären. Beide sind wir schon hartherzig und in Sackgassen gewesen und die Gefühle füreinander waren zeitweise weg. Aber wir waren uns einig: Wir werden zusammenbleiben und Gott vertrauen. Wir werden einfach Gott vertrauen. Wir werden zusammenbleiben. Das ist schmerzlich, es tut weh, aber wir wollten unser Vertrauen nicht wegwerfen. Und heute blicken wir zurück und sagen: ”Oh, Mann! Wie war es bloss möglich, dass wir sowas Dummes gedacht haben?! Wieso konnten wir so blind sein und unsere Augen von dem anderen abwenden? Danke, Gott, dass wir zusammengeblieben sind!”

 Bill Hybels ist verheiratet mit Lynne und Vater von zwei Kindern. Er ist Pastor der Willow Creek Community Church in Chicago/USA. Übersetzung: David Neufeld. Bibelzitate: Hoffnung für alle/Revidierte Luther-Bibel.

 

[Home] [Profil] [Scheidung] [Betroffene] [Leiter] [Fakten] [Bücher] [Forum] [Links]